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Madagaskar Teil 2
Auszüge aus "Veränderungen und Dinge, die gleich bleiben"


Tana, den 10.11.2002

...Gestern waren Jenny, Ruth (Praktikantinnen), Tobias (ein Freund v. Ruth) und ich um die Ecke auf dem Fussballplatz, wo der "FC. Manda" im Viertelfinale im Elfmeterschiessen gewonnen hat. Das Schöne war, dass in der Mannschaft viele alte Zazafaly-Kinder mitgespielt haben, die natürlich längst keine Kinder mehr sind. Kiki, Bossy oder Fano - alle um die 22 Jahre alt. Das war schön zu sehen. Sie waren noch ganz die "Alten" und sind dennoch merklich älter geworden. Einige von ihnen haben bereits Kind und Kegel. Zaza Faly haben aber alle noch in guter Erinnerung. Sie fragten nach Allen - Uwe, Gunter, Elke, Thomas usw. - was sie so machen, wann sie mal wieder nach Madagaskar kommen und es das es eine schöne Zeit war damals. Sie haben nichts vergessen und sie sind noch immer voller Dankbarkeit. Manchmal zeige ich ihnen auch alte Fotos. Es ist dann wie bei einem Klassentreffen. Sogar in meine alte Rolle von 1996 werde ich für eine Stunde dankbar hineingedrängt. "Misy marary" (habe Schmerzen) lautet das Codewort. Den Satz habe ich seinerzeit hunderte Male gehört, als ich im Krankenzimmer saß und die großen und kleinen Wehwehchen der Jungs und Mädels behandelt habe.

Nun sitzen sie wieder im Büro und kommen alle mit Schürfwunden und Prellungen, die sie sich bei ihrem glorreichen Sieg zugezogen haben und freuen sich auf weissen "Verbindungen". Bossy fragt mich, ob wir im nächsten Jahr, wenn ich wiederkomme, ein großes Fest mit allen neuen und alten Zazafaly-Kindern feiern, denn dann sind doch 10 Jahre rum. Ich bin verblüfft, dass er sogar das weiss und verspreche ihm, dass wir das machen werden. Wahrscheinlich müssen wir dafür auf den Anala kely umziehen und den Theatersaal stürmen.

Und das es noch immer einen großen Bedarf an unserer Arbeit gibt kann ich jedesmal sehen, wenn ich mit den Praktikantinnen abends am Anala kely unterwegs bin. Gestern kamen wir aus dem Kino, es war so gegen 20.30 Uhr und vor dem Eingang hatte sich schon eine kleine Gruppe Strassenkinder versammelt. Wir waren alsbald umringt, wurden natürlich erkannt und so entstand schnell ein Smalltalk mit ihnen. Jeder von uns hatte einen oder zwei an jeder Hand. Ab und an verschwanden einige von ihnen und verfolgten "Weißhäutige" mit der Frage nach einer milden Gabe.

Mit einem dutzend Zappelphillips machten wir dann Tanas Strassen unsicher - auf dem Weg zu einem in der Nähe liegenden "Hotely gasy" (kleiner Imbiss). Dort versammelten sich alle in einem dunklen Hinterraum auf Holzbänken und wir bestellten für alle Reis mit Gemüse und Fleisch. Da saß nun eine dieser auf den Strassen Tanas herumtobenden kleinen Banden und schaufelte sich den Reis unter lautem Geschrei in die großen Klappen. Die Sache ist die, dass diese Kinder, wenn man sie jeden Tag vier Wochen lang um sich hat, oftmals gar nicht den Anschein machen, als wären sie vom Schicksal gebeutelt. Zweifellos sind sie das und sie sind Künstler im Verstellen (ist ja ihre Überlebensstrategie Nummer 1). Manchmal bricht diese Deckung aber auch auf.

Einer von ihnen - Nicola – wirkte besonders hilfebedürftig. Ein eigentlich zuckersüßer Fratz, der jedoch vollkommen übermüdet und ziemlich apathisch war (welche traumatischen Erlebnisse er ansonsten hinter sich haben könnte, mochte man sich gar nicht erst vorstellen). Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass er nur noch einen Wunsch hatte – einen ruhigen Platz zum Schlafen und in Frieden gelassen zu werden – im wahrsten Sinne des Wortes. Von Fröhlichkeit keine Spur.

Allein auf der Straße wäre er wohl hoffnungslos verloren gewesen. Nur innerhalb einer solchen Gruppe hat ein so sensibler Junge eine Überlebenschance. Trotz der harten Umgangsformen. Andry, ein älterer Junge - offensichtlich der Anführer - saß neben Nicola und kümmerte sich teilweise rührend um ihn. Er half ihm beim Aufspiessen der Fleischstücken mit der Gabel, zeigte, dass man zu heisses Reiswasser erstmal mit dem Löffel trinkt und besorgte eine kleine Plastetüte, wo die Essensreste von Nicola verstaut werden konnten. So zog der Kleine mit vollem Magen und schmutzigen Füssen mit einer kleine Tüte in der Hand wieder in die Nacht hinein. Ich hoffe, dass er schnell eine ruhige und trockene Stelle gefunden hat, wo er zumindest für einige Stunden seine Seele zur Ruhe kommen lassen konnte.

Muß man noch beantworten, wofür "Manda" und "Zaza Faly" da ist? Neben all´den Erfolgen in den Jahren unserer Projektarbeit und der lebhaften positiven Energie, welche die Kinder bei Manda zumeist an den Tag legen, macht die kleine Begebenheit mit Nicola deutlich, dass das Leben auf der Strasse ein knallharter Kampf um das schiere Uberleben ist und das diese Kinder unsere/ Ihre Hilfe mehr denn je benötigen.



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