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Madagaskar Teil1 "Alltagsablenkungen"

Tana, den 5.11.2002

Ruhe kehrt ein. Ich sitze auf dem Boden, am Ausgang zur Terasse, Zigarette und ein Glas "Three Horses" in der Hand. Es ist 16.00 Uhr und plötzlich merkwürdig still um mich herum. Tobte nicht eben noch das schier ungebremste Leben auf dem Projektgelände? Nun herrscht Stille. Zeit zum Durchatmen. Die meiste Zeit habe ich heute am Computer verbracht, beim Anfertigen der Fragebögen für die ab übermorgen anstehenden Einzelgespräche mit den MitarbeiterInnen von "Manda". Es ist schwer, sich dazu durchzuringen, während unten die kleinen Gören in den Schul- und Vorschulräumen sitzen und mit Stift und Konzentration kämpfen. Nicht das mich der aus diesem Kampf resultierende Krawall stören würde. Vielmehr würde ich Fragebögen Fragebögen sein lassen und mich ins Gewühl stürzen. Der Ehrlichkeit halber muß gesagt werden, dass ich dem inneren Wunsch des öfteren nachgebe. So habe ich mich heute in den Unterricht der Mädchen gesetzt und zugeschaut, wie schwer es sein kann 413 : 7 zu dividieren. Einmal war ich mir selbst nicht sicher, ob ich mit dem Ergebnis richtig lag. Lag ich zwar, aber für Rolline (10) war es richtig harte Arbeit. Mit Hilfe von Angeline (Lehrerin) klappte es dann aber doch noch. 59 stimmte (falls jemand schnell im Kopf rechnen wollte). Richtig zufrieden war sie jedoch mit sich selbst nicht. Lieber wäre sie allein auf die Lösung bekommen. Rolline ist ehrgeizig. Um sie etwas aufzubauen schaue ich mir ihr Heftchen an und bestaune die vielen roten Eintragungen "tsara/ tsara tsara" (gut/ sehr gut), streiche über ihren Wuschelkopf und flüstere anerkennend "efa mahay tsara ianao" (Du kannst es schon gut). Ein verlegenes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Rolline ist eine gute Schülerin.

Viele Blicke werfe ich noch durch den Raum, begutachte und lobe wo es geht. Mathematik ist ja auch wirklich nicht jedermans Sache. Dann wandere ich weiter in die ehemalige Garage, die vor kurzem in einen Unterrichtsraum für die Vorschulkinder umfunktioniert wurde. Das war notwendig, weil in letzter Zeit immer mehr Knirpse zwischen 3-6 Jahren auf dem Projektgelände ihr Unwesen trieben. Für sie musste eine Lösung gefunden werden.

Nun sitzen sie auf Miniaturstühlen, halten krampfhaft Buntstifte in der Hand und malen vorgezeichnete Kreise und Rechtecke aus. Beides wird dann mit für die kleinen Finger viel zu großen Scheren sorgfältig ausgeschnitten und auf leere Joghurtbecher geklebt, die Ruth und Jenny (Praktikantinnen) vorher verspeist, ausgewaschen und eben für diesen Zweck aufgehoben haben. Man kann alles immer wieder gebrauchen. Bierdeckel sind auch vielseitig einsetzbar. Vorher noch schnell eine handvoll Linsen hineingetan und nach viel Kleberverschmiererei ist eine tolle Schüttelrassel zum Leben erweckt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn ganz schnell füllt sich der Projekthof und es wird nach Leibeskräften Krawall gemacht.

Kurz darauf gesellen sich noch die Mädchen aus der Schule dazu und dann wirbelt alles umher. Wieder ist in Windeseile ein ganzer Film verschossen. Dankbare Motive sind schnell gefunden. 16.00 Uhr heißt es dann - alle am Ausgang in einer Reihe anstellen. Der Wächter Ratina läßt alle augenzwinkernd stramm stehen und verabschiedet die brüllende Meute nach draußen. Noch einmal wird schnell ein leidenschaftliches "veloma" (tschüß) geschrien und weg sind sie - auf dem Weg zu ihren Plätzen, irgendwo in der Stadt.
Ruhe kehrt ein. Ich sitze auf dem Boden..........der Krach war aber auch nicht schlecht. Und eigentlich will ich es doch auch gar nicht anders...



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