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Tagebuchauszug von Heiko Jungnitz

Tana, den 10.4.2000

...keine Chance - wer das wirkliche Madagaskar kennenlernen möchte, muß raus aus Tana. Raus aus dem Dreck, der stickigen Luft, der ewig stockenden Blechwalze, dem Geschrei und Gezeter, der Bettler, der fetten "Upperclass"- Madagassen, der schmierigen hässlichen "Vazahas" mit ihren Jungen Inselschönheiten, der ungebremst zur Schau gestellten Dekadenz, bei gleichzeitig himmelschreiender Armut. Nichts wie weg hier.

Seit anderthalb Wochen bin ich nun schon wieder in diesem wunderschönen, verrückten, chaotischen, kranken, einmaligen, grenzenlos beschränkten Land, das mich doch trotzdem irgendwie nicht Iosläßt.

Der Grund meines Aufenthaltes ist vorrangig die Projektevaluation (-kontrolle) vor Ort, die ich in meiner Position als Vorstandsvorsitzender von "Zaza Faly" begleite.

Es gibt eine Menge Arbeit, aber Gott sei Dank ist auch Zeit für entspannende Momente.

Es ist schön und verwirrend, daß ich auf den Märkten verschiedene Strassenkinder wiedertreffe, die ich noch von 1996 kenne. Das ist auf der einen Seite so surreal, aber gleichzeitig gibt es mir das Gefühl, daß Madagaskar ein wichtiger Teil von mir ist. Ich kann das gar nicht so richtig in Worte fassen. Es ist einfach verrückt, daß ich mit ihnen Smalltalk halte - mit Kindern einer völlig anderen Kultur, Lebensweise, Realität. Es gibt Momente, wo mich das überwältigt. Man steigt in Berlin ins Flugzeug und schon steht man auf einem der größten Märkte der Welt und spricht mit "seinen" Straßenkindern. Kann man sich das vorstellen?

Ich mag diese Kinder mit ihrer einfachen ehrlichen Art. Man sieht ihnen ihre Gefühlsregungen sofort an, in dem Moment, wo sie auf dich zukommen, "Monsieur" rufen, die Hand aufhalten und dich mit ihren großen erwartungsvollen Augen angucken. Plötzlich spricht der "Weiße" madagassisch und fragt, wie sie heißen, wie alt sie sind, wo Mutter und Vater sind, wo sie nachts schlafen und ob sie "Zaza Faly" kennen.

Da bleibt ihnen vor Schreck der Mund offen stehen und sie sprechen unbewußt französisch weiter - die Hand noch immer ausgestreckt. Dann kichern sie verlegen und legen ihre Maske ab und geben Dir das Gefühl, für Sekunden ihr Vertrauen geschenkt zu bekommen. Ich liebe diese Momente - ja Bruchteile von Sekunden - des Verständnisses, der Wärme, ja "Liebe"(?).
Darum bin ich hier. Sonst gar nichts...



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