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Tagebuchauszug vom 18. Juni 1996

"Nicht immer nur hilflos" Teil 2

Einer der wichtigsten Tätigkeitsbereiche in der Arbeit der Sozialstation ist die medizinische Betreuung der Projekt-kinder. Die Risiken des Lebens auf der Straße zeigen sich gerade in der für die Kinder ständig latenten Gefahr des Krankwerdens.

Die typischsten Erkrankungen sind u.a. Magen- und Darminfektionen, aufgrund von Mangelernährung; schwerste Atemwegsinfekte, hauptsächlich durch das Schlafen unter freiem Himmel bei Kälte und Regen, die Möglichkeit eines Kleidungswechsels existiert nicht; Platz-, Stich- und Schnittwunden, zugezogen durch Barfußlaufen oder auch Revierkämpfe untereinander; Krätze und Malaria.

Durch unser relativ gut bestücktes Arztzimmer sind wir in der Lage die notdürftigste Versorgung zu leisten. Diese ist für Straßenkinder in Madagaskar so gut wie gar nicht gegeben. So wird diese Möglichkeit von den Kindern sehr dankbar angenommen und ist aus dem Projektalltag nicht wegzudenken.

In ganz Madagaskar einmalig ist die Einrichtung eines Krankenzimmers für Notfälle oder schwerer Erkrankte. Hier haben sie die Möglichkeit, sich für ein paar Tage auszuruhen. Der angenehmste Nebeneffekt am Kranksein ist das Bett, in dem sie schlafen können. Für die meisten ist es das erste Mal in ihrem Leben.

Ich schreibe dies deshalb, weil wir an diesem Tag noch eine schwierige Aufgabe zu erledigen hatten. Am Nachmittag stand nämlich die Entlassung von Naivo (14) an, welcher knapp zwei Wochen lang der einzige Gast in unserem Krankenzimmer war.

Er kam mit einer fürchterlichen Krätze im Genitalbereich zu uns, so daß er sich eine Art Charlie-Chaplin-Schritt zugelegt hatte, was zwar ziemlich lustig aussah, für ihn aber unheimliche Schmerzen bedeutete.

Die Heilung seiner Beschwerden ging ziemlich schnell voran. Dabei war es wirklich erstaunlich, wie elementar wichtig doch eine tägliche Dusche ist, gemessen an der Tatsache, daß man sich dessen kaum noch bewußt ist.

Die zwei Wochen mit Naivo waren für Gunter und mich eine angenehme, wenn auch manchmal sehr anstrengende Erfahrung und Bereicherung.

Naivo ist ein Junge aus der Analakely-Gruppe und durchaus nicht Irgendeiner. Von allen wird er nur "Adala kely" (kleiner Verrückter) genannt und das selbst von den ganz Kleinen. Auch auf dem Markt habe ich es schon von Erwachsenen gehört. Ich hatte das Gefühl, daß er für viele so eine Art "lieber Trottel" darstellt, den man richtig gut veralbern kann, da er doch Niemanden etwas zu Leide tut.

Sicherlich ist Naivo kein "normaler" Junge, aber das ist sowieso keines von all‘ den Straßenkindern, die ich bis jetzt kennenlernen durfte. Das wäre auch angesichts dessen, was sie in ihrem bisher kurzem Leben durchgemacht haben nicht normal.

Gunter und ich haben uns jedenfalls gleich am ersten Tag dafür entschieden, seinen richtigen Namen herauszufinden und ihn dann auch so zu nennen, da wir nicht eingesehen haben, ihn so zu behandeln, wofür die anderen ihn halten.

Schon bald hat sich herausgestellt, daß Naivo nicht "verrückt", sondern nur in seiner geistigen Entwicklung ein paar Jahre zurückgeblieben ist, was nicht bedeutet, daß seine Intelligenz gestört wäre. Zwar sind seine gezeichneten Bilder voll von kindlich-naiven Impressionismus, aber andererseits konnte er auch ein richtiger Klugscheißer sein, wenn er jeden Fehler oder jede Vergeßlichkeit unsererseits sofort bemerkte und uns darauf hinwies, wie z.B. das Einnehmen seiner täglichen Medizin oder beim Helfen in der Küche, wenn er nebenbei angemerkt hat, daß wir noch Tee und das Essen für den Nachtwächter kochen müssen, während er den Tisch schon längst gedeckt hatte.
Um jede Tätigkeit im Haus hat er sich förmlich gerissen, wollte bei allem mithelfen und hat sogar die Rolle des Wächters übernehmen wollen, als dieser wegen Krankheit ausfiel.
In einer Eigenschaft von ihm wurde er aber sehr deutlich, daß das Verhalten der anderen Kinder und Erwachsenen ihm gegenüber deutliche Spuren in seiner kleinen Seele hinterlassen hat. Da ist bei ihm dieser ständige Drang vorhanden, unbedingt den "Clown" spielen zu müssen, um so für Aufmerksamkeit zu sorgen, die er wohl in seinem bisherigen Leben noch nie genossen hat. Und plötzlich gibt es da etwas, mit dem er für ein paar Augenblicke lang im Mittelpunkt stehen kann. Und weil er ja sonst nichts zu "bieten" hat, hat er sich wohl dieser Rolle angenommen und der Aufmerksamkeit willen ist es dann auch relativ egal, was für eine das dann letztendlich ist und zu welchem Preis.

Heute war dann aber der Tag (nach 14 Tagen Mittelpunkt und Naivo-sein-dürfen), an dem er wieder zurück in sein wirkliches Leben entlassen werden sollte.

An diesem Tag war er er selbst und ließ uns tief in seine Seele schauen, die traurig und verletztlich war. Es sind diese Momente, wo die sonst so scheinbar unbändig fröhlichen Kinder ihre wahren Empfindungen, die sie sonst so gut es geht verstecken, nach außen kehren.

Naivo jedenfalls hatte höllische Angst vor dem Leben auf dem Markt, das er nur allzu gut kannte, um sich darauf zu freuen.

Er war den ganzen Tag kaum ansprechbar, war in sich verschlossen und als wir in Richtung "Anala kely"-Markt fuhren, brachen die Gefühle über ihn zusammen und er mußte anfangen zu weinen, wie ein kleines Kind, was er ja zweifellos noch ist.

Solche Gefühlsausbrüche sind für ein Straßenkind eigent-lich nicht erlaubt, aber dieses eine mal wollte er es uns zeigen und wir haben ihm innerlich dafür gedankt.

Nichts konnte für uns in diesem Moment schlimmer sein, als ihn wegzuschicken. Aber wir waren uns völlig darüber im Klaren, daß im Rahmen von "Zaza Faly" keine Ausnahmen gemacht werden dürfen, so weh das auch jedesmal tut. Wir sind nun mal die "Wühler im Dreck" und die Kinder sind dabei der am höchsten Infizierteste. Das zermürbt manchmal schon, aber manchmal ist da auch ein Licht. So wie heute.

Es gibt da ja noch die "Zamaika"-Gruppe, die in sich recht geschlossen ist und in der sich richtige kleine "Persön-lichkieten" zusammengeschlossen haben.
Bei ihnen haben wir den Eindruck gewonnen, daß sich, entgegen der Tatsache, daß Straßenkindergruppen aus der Not heraus geborene Zwangsgemeinschaften sind, hier echte Freundschaften geschlossen wurden.
Sie sind natürlich auch von Wildheit beseelt, aber Gewalt unter ihren Mitgliedern ist eher selten. Diese Tatsache ist der entscheidende Unterschied zu der "Anala kely"-Gruppe und möglicherweise das Glück für Naivo, da wir die "Zamaika’s" gefragt haben, ob sie mit ihm als neues Mitglied einverstanden wären. Und sie stimmten zu.

So haben wir dann auch Naivo gefragt, im Auto auf dem "Anala kely", quasi am "Vorhof zur Hölle", vielleicht aus seiner Sicht gesehen.

Die Erleichterung, die in diesem Moment von ihm wich, war sicht- und spürbar. Er war glücklich für diesen Augenblick und er nickte nur, als Antwort auf unsere Frage.

Wir fuhren dann noch einmal zurück ins Projekt, gaben ihm noch einen Schlafsack, den er sich mit Roland teilen sollte und dann stiefelte er dankbar davon. In seinem Gesicht war dann schon wieder der kleine Schalk versteckt, der zweifellos in ihm wohnt.

Es war wirklich nicht einfach heute, aber der Tag hat gezeigt, daß die Sinnhaftigkeit unserer Arbeit im Detail liegt und das man genau hinschauen muß, um am Ende zu erkennen, daß es manchmal doch möglich ist, dem "hilflosen Helfen" zu entfliehen.

Heiko Jungnitz
(vom März-September 1996 zusammen mit Gunter Grün Projektleiter der Sozialstation)



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