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Tagebuchauszug vom 18. Juni 1996

"Nicht immer nur hilflos" Teil 1

Am Montag gab es mal wieder eine gefühlsmäßige Berg- und Talfahrt, die typisch für unsere bisherige Arbeit war. Oft fragt man sich, wofür sie eigentlich wirklich nützlich ist, was wir erwarten sollten und was wir wirklich erreichen können in der Arbeit mit den Kindern.
Alle diese Fragen wurden heute gestellt und, wenn auch nur ansatzweise, beantwortet.
Heute war Kindertag in Madagaskar (überhaupt ist der Juni offizieller Kindermonat) und wir sind mit allen "Zaza Faly’s" ins CGM gegangen, ein Zentrum für deutsch- madagassische Zusammenarbeit, welches unserer Sozialstation sehr wohlwollend gegenübersteht, um uns einen Vide-film anzuschauen.
Diesen mußte ich allerdings erst noch ausleihen, was nicht so einfach war, wie ich dachte, da am Montagmorgen noch alle Videotheken geschlossen waren.
So mußten ich mich erstmal in das beeindruckend- chaot-ische Gewühl des riesigen "Analakely"- Marktes stürzen, um ein Video zu kaufen, da wir waren für 10.00 Uhr im CGM bestellt waren, es schon 9.45 Uhr war und ich die ganze Aktion auch nicht abbrechen wollte, da sich die Kinder so sehr darauf gefreut hatten.
Neben all den Gewaltfilmen gab es zunächst nicht viel, was einen Kauf gerechtfertigt hätte. Zu meiner Ver-blüffung zauberte dann aber der Händler Charlie Chaplin’s "The Kid" hervor und legte es auf den Ladentisch. Ich war begeistert und dachte: ‚Mensch, genau das Richtige für die "Kid’s" ‘. Dieser Film war als Kind einer meiner Lieb-lingsfilme.
Bedauerlicherweise stellte sich dann aber heraus, daß er bloß die leere Hülle da hatte und das er, wenn der Film mal wieder reinkommen sollte, erst eine Kopie davon machen muß. Soviel Zeit hatte ich dann doch nicht und genervt habe ich dann "Laurel and Hardy" gekauft, was ja auch recht lustig war als Kind.
In der Zwischenzeit hatten Gunter und die Lehrerinnen alle Hände voll im Haus zu tun, da alle erstmal duschen mußten und die Mädchen schon um 7.00 Uhr kommen sollten, um Schwierigkeiten mit den Jungs zu vermeiden.
Um kurz nach 10.00 Uhr haben wir uns dann doch noch alle getroffen und das CGM besetzt.
Der erste Film war wirklich lustig. Viel Slapstick und Klamauk - genau das Richtige, wie erhofft. Der Zweite bestand jedoch fast ausschließlich aus Dialogen - genau das Langweiligste für die Kinder, da sie ja eh‘ kaum ruhig
sitzen können und wenn es dann noch nicht mal spannend oder lustig oder besser beides ist, na ja...
Wir haben dann den Film früher ausgemacht, da selbst wir Erwachsenen Konzentrationsprobleme bekommen hatten.
Anschließend wollten wir dann mit der "Analakely"- Gruppe zurück ins Haus, da sie ja regulär für das Montagsprogramm bestimmt ist.
Da stellte sich aber schon das erste Problem dar, was diesen Tag, das kulturelle "Extra" und die Sinnhaftigkeit dessen betraf. Denn zuerst waren die Jungs von der "Zamaika"- Gruppe enttäuscht, weil es für sie kein Essen mehr geben sollte, sie aber unheimlich hungrig waren. Und zum anderen waren die Mädchen traurig, weil für sie das gewöhnliche Programm am Montagnachmittag flachfiel, da wir eben mit jeder Gruppe (am Dienstag mit den "Zamaika’s" und am Mittwoch mit den Mädchen) nach dem Mittagsessen ein kleines Fest mit Pudding und madagassischer Musik, die sie doch so sehr lieben, veranstalten wollten.
Als wir mit den "Analakely’s" wieder im Projekt angekommen waren, kamen zu allem Überfluß noch viele von ihnen angerannt und wollten verarztet werden oder ihre schmutzige Kleidung waschen. Alles Dinge, die bei all‘ dem Trubel am Morgen nicht zu schaffen gewesen waren. Außerdem hatten wir doch für heute etwas viel Tolleres geplant – nämlich Videogucken. Tja, und dann das.Da wurde uns mal wieder ganz schlagartig ins Gedächtnis gerufen, welche eigentliche Aufgabe "Zaza Faly" für die Kinder hier in Tana hat, welche Funktion es für sie erfüllt und für was es die Kinder letztlich für sich selbst sehen.
Die Sozialstation ist eben eine Anlaufstation, in der die Kinder Grundbedürfnisse befriedigen können; wie ihre Kleidung und sich selbst waschen; etwas zu Essen zu bekommen sowie Rechnen, Lesen und Schreiben zu lernen; wo die äußeren und manchmal auch seelischen Wunden behandelt werden; wo sie herumtoben können, um ihre angestauten Energien loszuwerden; wo sie Kind, Mensch und als Straßenkinder akzeptierte Wesen sein dürfen.
Da sind Kulturveranstaltungen, wie Videofilme anschauen oder eines der leidenschaftlichen Musikkonzerte zu besuchen, eine willkommene Abwechslung, aber wenn, dann doch bitteschön nach dem üblichen Programm oder zumindest ohne, daß etwas davon verlorengeht.
Die Kinder haben die regulären Angebote schon längst als Hilfe für sich selbst angenommen, so daß mittlerweile schon so etwas wie ein Anspruchsrecht darauf besteht. Dem haben wir im begrenzten Rahmen unserer Arbeit dann auch schließlich Rechnung zu tragen.
Für die "Analakely"- Gruppe mußten wir dann kurzfristig das kleine Fest am Nachmittag von der Tagesordnung streichen, was hauptsächlich mit der für uns am gestrigen
Tag unerträglichen Ungestümheit zusammenhing, durch die das Mittagessen im Chaos zu versinken drohte.
In den letzten Wochen ist die Gruppenstärke kontinuierlich angewachsen. Vor allem viele ganz junge Kinder im Alter zwischen 6 und 8 Jahren sind hinzugekommen, was alleine schon den Unterricht unserer tapfer kämpfenden Lehrerinnen, Miarantsoa und Angeline, erheblich er-schwerte, da sie ja deshalb ständig neue Kinder "einarbeiten" mußten. Dies beeinflußt natürlich den nor-malen Unterricht und bringt den Schulrhythmus gehörig durcheinander. Die eh‘ schon kaum vorhandene Gruppen-struktur bei den "Analakely’s" (Anala kely = größter Markt der südlichen Erdhalbkugel und Anziehungspunkt für Land- und Händlerfamilien des ganzen Landes) schien nun gestern ganz und gar zu verschwinden.
Nachdem sie nun leider zwangsweise und für beide Seiten unbefriedigend eher gehen mußten, haben Gunter, die Lehrerinnen und ich zusammen Listen derjenigen Kinder zusammengestellt, die regelmäßig zu ins "Nest" kommen und nun auch weiterhin betreut werden sollten. Eine Gruppenstärke von über 50 Kindern sprengt jeglichen Rahmen.
Bei dieser Auswahl spielten Einzelschicksale nur eine untergeordnete Rolle, da leider jedes Schicksal für sich entsetzlich ist und wir uns schon seit längerem darüber im Klaren sind, daß wir kaum und höchstens im seltenen Einzelfall Lebenssituationen grundlegend ändern können. Dies ist nun mal auch kein primäres Ziel der Sozialstation.
Um die wirklichen Ziele jedoch in die Realität umzusetzen bedarf es aber klarer Regeln. Im Großen (wie z.B. die allgemeine Konzeption) und eben auch im Kleinen, wie z.B. die Festlegung einer Altershöchstgrenze (18 Jahre) oder einer maximalen Gruppenstärke von 50 Kindern.
"Zaza Faly" kann nicht jeden hilfsbedürftigen Kindern in Tana Hilfe geben. Was wir aber wollen und können ist die Sicherstellung eines konkreten Angebots für eine begrenzte Zahl von Straßenkindern.
Diese Hilfe beseitigt nicht das Straßenkinderproblem in Madagasakar, denn da müßten grundlegend die Ursachen bekämpft werden, aber es kann dazu beitragen, die Not ein wenig zu lindern und das Leben auf der Straße für einige Kinder erträglicher zu machen.

Heiko Jungnitz
(von März – September 1996 Projektleiter der Sozialstation, zusammen mit Gunter Grün)



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