Bericht von
Anke Jansen
(seit August 2000 Praktikantin in der
ONG Manda)
Das TheaterprojektNachdem ich viel mit den Kindern der Ausbildungsprojekte über
ihr Leben auf der Straße, über ihre Probleme dort und zu Hause bei
ihrer Familie wenn sie noch eine haben - geredet hatte, habe ich Ende
letzten Jahres ein Theaterstück über und für sie geschrieben.
Das Stück handelt von autobiographischen Erlebnissen der Kinder, die mich
sehr traurig gestimmt haben. Deshalb wollte ich diese Geschichten an die Öffentlichkeit
bringen und versuchen, den Menschen verständlich zu machen, was die Kinder
auf der Straße erleben und durchmachen müssen. Diese Kinder sollten
wie normale Menschen behandeln werden und nicht wie Außenseiter. Ihr Recht
zum Sprechen und angehört zu werden, sollte auch durch dieses Theaterstück
geschützt und hervorgehoben werden. Mit den 14 Mädchen und 8 Jungen
der Ausbildungprojekte sollte das Theaterstück einstudiert und aufgeführt
werden.
Als ich im Januar mit gemischten Gefühlen - aus Aufregung und Angst, ob
alles klappt - in das Jungenausbildungsprojekt gegangen bin, um Aufwärmübungen
zum Theaterspielen mit ihnen auszuprobieren, hat nichts funktioniert. Auf meinem
Nachhauseweg habe ich nur gedacht "Das wird nichts!" und war wirklich
demotiviert. Die Mädchen am nächsten Tag haben mich dann wieder auf
die Beine gestellt. Sie haben sehr gut mitgearbeitet und waren sehr engagiert.
In den darauffolgenden Wochen haben dann leider fünf von den Jungs aufgegeben,
da sie zu schüchtern waren, um das Stück auf der Bühne zu spielen
(was vielleicht damit zusammenhängt, dass es ihr wahres Leben ist, was sie
spielen sollen). Also musste ich einige Rollen streichen, neu schreiben und verteilen.
Ab diesem Zeitpunkt war es einfacher mit den Jungs zu arbeiten
Dennoch habe ich manchmal die Hoffnung aufgegeben, dass wir das Theaterstück
irgendwann tatsächlich aufführen könnten. Denn neben den Proben
mussten wir natürlich auch viele andere Dinge vorbereiten: Wer gibt uns
die Tonuntermalung und die Scheinwerfer? Wer kümmert sich um die Plakate?
Wer um die Broschüren? Was brauchen wir an Materialien? Wie soll das Bühnenbild
aussehen? Wen laden wir ein? Journalisten? Und wo spielen wir überhaupt?
Nach mehreren Telefonaten (in Madagaskar dauert es oft Ewigkeiten, bis man mit
dem Verantwortlichen einer Sache reden kann) hatte ich einen Termin mit der Zuständigen
des "Tranompokonolona Analakely" (ein Theater in der Mitte des berühmten
Zoma-Marktes in Tana) gemacht und ... Es sei kein Problem, dort zu spielen. Wahnsinn!
So eine große Bühne! Ich hatte immer gedacht, wir würden das
Stück im Projekt aufführen, doch nun...vor so vielen Menschen. Ich
war glücklich darüber, obwohl es mir auch Bauchschmerzen bereitete.
Vor allem, als ich dann auch noch mit einem der berühmtesten Sänger
Madagaskars sprechen konnte, der uns daraufhin die Mikrofone und Scheinwerfer
gesponsert hatte.
Als Showeinlage hatte die Projektleiterin Miarintsoa dann eine gute Idee: Es
könnte doch jemand für uns singen. Und so kam es, dass Bodo (eine bekannte
Sängerin) einwilligte, am 28.02. für die Kinder und das Publikum zu
singen.
Anfang Februar haben wir dann noch angefangen, Lieder und Tänze einzuüben,
wobei es den Jungen meistens zu peinlich war.
Das Schwierigste überhaupt war, die Kinder immer wieder aufs Neue zu motivieren.
Immer wieder die Proben, Verbesserungen... Vor allem sind sie an so eine Disziplin
durch ihr Leben auf der Straße gar nicht gewöhnt. Wenn ihnen etwas
nicht gefällt, geben sie normalerweise schnell auf und haben keine Lust
mehr. Am 21.02. hatten wir dann die erste Probe im "Tranompokonolona",
die völlig in die Hose ging. Die Kinder hatten keine richtige Lust zu spielen,
sind herumgelaufen, waren nicht konzentriert und haben alles durcheinander geworfen.
Wie sollte das bloß am 28. funktionieren? Ich wusste es nicht.
Zu allem Unglück überlegte sich nun sieben Tage vor dem Auftritt ein
weiterer Junge, aufzugeben. Doch am Montag (zwei Tage vor dem Auftritt) - ich
war schon fast verzweifelt - hatte er es sich dann doch wieder anders überlegt
und wollte wieder spielen. Also haben wir noch eine Extraprobe eingelegt und
ich habe schon fest damit gerechnet, dass ich noch am Tag der Aufführung
Veränderungen durchnehmen müsste.
Am Morgen des 28.02. haben wir uns dann alle schon früh auf den Weg gemacht,
um die Generalprobe durchzuführen. Und es wäre auch alles gut gegangen,
wären die Mikrofone und Scheinwerfer da gewesen. Nach zwei Stunden Verspätung
- in Madagaskar muss man eigentlich damit rechnen - haben sie angefangen, alles
aufzubauen und die Generalprobe konnte beginnen.Es lief zwar nicht alles so,
wie ich es mir vorgestellt hatte (die Stellungen bei den Tänzen waren falsch,
Einsatz wurde verpasst und bei meiner Rede auf madagassisch habe ich die Hälfte
vergessen), aber so muss ja eine Generalprobe sein.
Um 14.30 Uhr war es dann soweit, 1 1/2 Stunden Programm standen vor uns, und
der Saal war bis oben hin gefüllt (300/400 Personen). Viele mussten sogar
stehen. Es waren andere ONGs vertreten, viele Straßenkinder waren gekommen,
die wohl noch nie so etwas gesehen hatten. Journalisten, Privatleute und sogar
Vertreter von Ministerien haben sich das Theaterstück angeschaut. Und das
Beste war, dass alles, aber auch wirklich alles, super verlaufen ist. Ich war
einfach glücklich, als unsere Aufführung beendet war.
Das Stück selbst handelte von der Gewalt, die Kinder in ihrem Leben auf
der Straße und zu Hause bei ihren Familien erleben. Szenisch wird dargestellt,
wie sie sich auf der Straße treffen und von ihrem Leben erzählen.
Ein Mädchen erzählt, dass jede Nacht ein Mann zu ihrer Mutter und ihr
gekommen ist. Er hat ihre Mutter vergewaltigt (in einem Haus aus Pappkarton)
und das Mädchen geschlagen. Eine andere wird geschlagen, um ihr Geld abzuliefern,
was sie sich hart erarbeitet hat. Nachdem hat sie ihr Geld in ihren Haaren versteckt.
Ein anderes Mädchen steht mit einem schmutzigen Putzlappen auf der Straße,
um den Leuten die Schuhe zu putzen. Doch alle gehen mit hochstehendem Kopf an
ihr vorbei. Keiner will etwas von ihr wissen. Die Eltern eines Jungen sind gestorben,
also lebt er auf der Straße, um zu überleben.
Viele Kinder schlafen, ohne etwas gegessen zu haben. Sie betteln und stehlen.
Einige Mädchen verkaufen sich, sogar schon ab 50 Pfennig. Sie fangen manchmal
mit 12 Jahren an, ihren Körper anzubieten. Die Eltern trinken und die Kinder
werden von ihnen geschlagen. Die Kinder müssen ihr Geld abgeben, wovon die
Eltern Alkohol und Zigaretten kaufen.
Viele Kinder, die auf der Straße schlafen, werden von den Arbeitern des
Bürgermeisters in einen Lastwagen eingesammelt und hinaus aus der Hauptstadt
Antananarivo aufs Land gebracht, wo sie die Landwirtschaft erlernen sollen,
obwohl sie es gar nicht wollen. Der Bürgermeister will eine saubere Stadt,
ohne die "dreckigen" Leute auf der Straße. Doch viele Kinder
kehren zurück, da sie dort nicht bleiben können. Sie halten es nicht
aus, denn sie sind an ihr Leben auf der Straße gewöhnt und wollen
bei ihren Freunden bleiben. So marschieren sie die ganze Nacht oder fahren mit
anderen Autos mit (Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen).
Am Ende des Theaterstückes wollen die Kinder ihr Leben ändern, zur
Schule gehen, um später richtig arbeiten zu können; wollen sauber sein,
und ihr Wunsch ist es, keine Gewalt mehr erleben zu müssen. So machen sie
sich auf den Weg, um ein Projekt zu suchen, das ihnen helfen könnte, wo
sie wohnen und eine Ausbildung machen können. So kommen sie zum ersten Mal
zu "Manda"....
Was ich während den ganzen Proben festgestellt habe, ist, dass sich die
Kinder während dessen weiterentwickelt haben. Zwei von ihnen sind wirklich
gute Schauspieler geworden. Bei dem einen, der sich am Anfang noch nicht einmal
getraut hat, einen Satz zu sagen, hat man auf der Bühne von seiner Schüchternheit
nichts mehr bemerkt.
Zwei Mädchen haben am Anfang große Schwierigkeiten gehabt, da sie
nicht lesen können, um das Theaterstück zu verstehen. Doch, was mich
in diesem Fall sehr beeindruckt hat: Die Kinder helfen sich gegenseitig und lassen
diejenigen, die schlechter sind, nicht links liegen. Man merkt, dass sie ein
Gruppengefühl haben. Als Belohnung für das Theaterstück hat Rossy
uns allen Beteiligten und Helfern Eintrittskarten für sein Konzert geschenkt.
Außerdem haben wir auch noch einen Ausflug für ein Wochenende auf
dem Land für die Kinder organisiert.
In den folgenden Wochen haben wir viele Anrufe von Menschen erhalten, die uns
Glückwünsche aussprechen wollten und um anzufragen, ob wir das Stück
noch einmal spielen könnten.
Für den Minister, der für das Recht des Kindes und der Frau zuständig
ist, haben wir noch einmal im "Tranompokonolona" gespielt. Zwei Wochen
später noch einmal für eine andere NRO ein Open-Air-Theater.
Durch dieses Theaterstück haben wir viele Interviews im Fernsehen und Radio
gegeben und konnten so die Projektarbeit von "Manda" in der madagassischen Öffentlichkeit
bekannter machen.
Im Nachhinein kann ich wirklich sagen, dass es sich mehr als gelohnt hat, die
oft anstrengenden Proben durchzuführen und verzweifelte Momente durchzustehen.
Es war eine wunderschöne Zeit, in der auch ich viel gelernt habe.
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