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Erlebnisbericht von Wiebke Standfuß und Jenny Dorfelder

September 2004


"Abenteuer Ozean"

Ferien der Vony - Mädchen in Tamatave und Foulepointe 22.08 - 28.08.04

Sonntag, 22.08.04
Natürlich ging die Reise erst später los als geplant! Aus 17 Uhr wurde 19.30 Uhr, die Aufregung stieg.
Jedes vorfahrende Taxi be wurde erwartungsvoll empfangen, nährte die Ungeduld, ließ die Spannung der Mädchen anwachsen. Sie alle arbeiten im Projekt "Vony" und wollten dem "winterlichen" Tana entfliehen und ihre Ferien in Foulepointe, an der Ostküste Madagaskars verbringen.
Und nicht nur die Mädchen waren aufgeregt...Mme Simone und Angeline (sie und ihre Tochter begleiteten uns) schlenderten ununterbrochen zwischen den Taschen auf und ab. Die Sorgenfalten auf Anitas Stirn vertieften sich mit jedem Blick auf die Uhr. Nur Mme Pine verstand es ihre Aufregung hinter einem immerwährenden Lächeln zu verbergen. 
Dann endlich (Angeline und Mme Simonne hatten die Hälfte der Strecke schon zu Fuß zurückgelegt), le voilà: Knall - gelb und offensichtlich in einem Zustand, der eine angenehme Reise versprach...
Unser Taxi- Brousse. Und damit es auch alle sehen konnten, schrieb der Fahrer in dicken, weißen Zahnpastabuchstaben "ONG MANDA - spezial" auf die Frontscheibe.  
In Windeseile waren die Plätze besetzt, die tausenden Taschen, Tüten, undefinierbaren Knäuel auf dem Dach verstaut. Sogar 3 untote Hühner konnte ich entdecken, sie schienen zu ahnen, dass sie die gute Luft Tanas zum letzten Mal schnuppern würden. Ängstlich und ein wenig verstört lugten sie aus ihrem Körbchen hervor.
Kaum hatte sich das Taxi - Brousse in Bewegung gesetzt, entlud sich die Freude in Gegacker und Gesang. Dass wir jeden Anstieg mit kaum mehr als 20 km/h bewältigten und uns auch sonst mit einer Maximalgeschwindigkeit von 40 km/h fortbewegten, bemerkte zu diesem Zeitpunkt abgesehen von Anita noch niemand. Die Reise von Tana nach Tamatave (370km) dauerte ganze zwölf Stunden! - Ohne den vorgesehenen Besuch des Lemurenparks in Andasibe, ich glaube Anita hatte es geahnt!, dafür aber mit einem Reifenwechsel und vielen kleineren und etwas größeren Pausen für Geschäfte   unterschiedlichster Art: Mit der Polizei gleich am Ortsausgang von Tana (die Geschwindigkeit war nicht das Problem, dafür aber Scheinwerfer und die mehr als effektive Auslastung unseres Fahrzeugs), mit dem Kohlenhändler am Straßenrand um 3.00Uhr morgens, und in unzähligen Gebüschen am Straßenrand.
Auch die letzten Unermüdlichen (im wahrsten Sinne des Wortes...) waren endlich eingeschlafen, da kamen wir im sommerlich warmen Tamatave an. 
Doch bevor die Mädchen endlich den Ozean sehen konnten, wurde erstmal Quartier in einer Schule bezogen, gekocht und Volleyball gespielt. Erstaunlich, dass die Mädels vor Ungeduld und Neugier das Meer zu sehen, nicht platzten!
Dann hieß es auf einmal "maillot de bain!!" - Badesachen anziehen.
Nun wurde einer der, am Vorabend noch undefinierbaren Säcke hervorgeholt und es begann ein wildes, nicht enden wollendes An- und Ausgeziehe von Badeanzugmodellen aus mindestens 4 europäischen Modejahrzehnten. Oft schwoll das Gekiecher zu Gelächter an.
Schließlich fand dann doch jedes Mädchen eine passende Hülle (was nicht passte, wurde mit Knoten, 3 Nadelstichen oder aber Baucheinziehen passend gemacht - es handelte sich ja immerhin um zukünftige Näherinnen und Weberinnen!) und in strahlend weißen Manda
T-Shirts kletterten alle zufrieden ins Taxi - Brousse. Ans Meer fuhren wir aber immer noch nicht.
Vielleicht, um die Vorfreude noch ein wenig zu steigern oder aber um die Annäherung vorsichtig zu gestalten, gings erstmal - Richtung Hafen.
Der Rundgang wurde vom Direktor höchstpersönlich durchgeführt und die Größe der Schiffe, die Containerschluchten und der Vorgang der Güterverladung beeindruckten die Mädchen sichtlich. (Auch wenn dieses erste Erlebnis bei der Nachbesprechung in keiner Weise (weder positiv noch negativ) genannt wurde und total vergessen schien)
An der Mole dann die ersten Wellen: zwar noch aus sicherer Entfernung , doch schon ganz schön nass und von imposanter Größe!
Vielleicht war es dieser Eindruck von der Kraft des Meeres, der die Mädchen (2 Ausnahmen), aber auch die Erwachsenen kurz darauf hinderte, sich in die "Fluten" zu stürzen...
Am Strand von Tamatave waren die Wellen auf Kniehöhe zusammengeschrumpft und hatten kaum mehr die Kraft zwei leere Kokonußschalen mit sich zu reißen!
Der ganze Trupp kehrte also mit größtenteils in trockenen Badesachen zum "Lager" zurück.
In Windeseile verwandelte sich der Klassenraum in eine Großküche, dann in einen Speisesaal und endlich auch in ein riesiges Bett.
Den eigentlichen Urlaubsort Foulepointe erreichten wir am Dienstag.
Die Bungalowsiedlung mit ihren kleinen Häuschen ließ richtige Ferienstimmung aufkommen. Schnell wurden die Spiele (Tischfußball, Billard, Federball ect.) in Beschlag genommen und die Mädchen zogen in kleinen Grüppchen aus, die Umgebung zu erkunden.
Der Anblick der fast spiegelglatten Wasseroberfläche in der, von einem Korallenriff abgeschirmten Bucht half über die letzten Zweifel hinweg. Von diesem Moment an setzten einige Mädchen fast nur noch zu den Mahlzeiten die Füsse an Land.
Zwar hieß es ständig "lomano, lomano!"(=schwimmen), doch die Versuche von Anita, Clement und mir den   Mädchen schwimmen beizubringen scheiterten fast ausnahmslos an ihrer Spiel- und Planschwütigkeit.
Wie der Strandsand durch die Finger rinnt, so verflog auch unsere Ferienzeit.
Zwischendurch wurde immer irgendwas gekocht, wurde Wäsche gewaschen, ab und zu ein wenig gestritten oder der Markt besucht. Vor allem letzteres bereitete den Mädchen ein sichtliches Vergnügen!
Immer eine Tüte mit kleinen Naschereien, Bonbon coco oder Früchte, in der Hand und schon nach dem ersten Tag trug fast jede eine der typischen Kettchen um den Hals.
Alles was zu richtigem Urlaub gehört!
Am Donnersag besuchten wir das letzte Fort Madagaskars. Das Fort "Manda"! Der Guide war sichtlich begeistert von der Namensverwandtschaft und behandelte uns mit besonderer Aufmerksamkeit. Freundlicherweise erließ es uns das Eintrittsgeld, als wir am nächsten Morgen wiederkamen, um eine Ralley zu veranstalten.
Angeline und ich hatten die verschiedenen Plätze des Forts mit farblich gekennzeichneten Zetteln versehen, die in Rätseln wiederum zu einem anderen markanten Punkt (usw.) und schließlich zum Ziel führten.
Der Sturzregen zu Beginn des Spiels ließ mich Schlimmstes für die Teilnehmerzahlen befürchten, zumal ich auch nicht sicher war, ob die Mädchen von der Idee einer Ralley so begeistert wären. Doch kaum waren die Regeln des Spiels auch nur halb verstanden worden (einige der Gruppen suchten mit erstaunlich viel Erfolg einfach immer in der Nähe der anderen Teams) preschten die Gruppen los.
2 Stunden lang glich das Fort einem Ameisenhaufen, in den man ein brennendes Holzscheit gesteckt hatte. (Ich danke dem Guide für seine Geduld!)
Laut war das Gejohle, wenn ein Zettel entdeckt worden war, groß der Ansturm auf Angeline, damit sie dem Mirakel von Delphi gleich, einen kleinen Hinweis gäbe, wenn die Fragen gar zu knifflig waren. Ab und zu gab es Gekreische, weil eine Gruppe die Zettel einer anderen versteckt hatte, die Nase voll vom Suchen hatte und einfach andersfarbige Zettel mitnahm (andere Gruppe) oder in den Gruppen selbst Uneinigkeit über den nächsten, aufzusuchenden Ort herrschte.  
Am Ende fanden sich alle Gruppen, glücklich ihre Mission erfüllt zu haben, im Zentrum des Forts ein. Jede Gruppe präsentierte sich noch einmal durch Gesang, Tanz, Theater oder Arkobatik, was allseits große Heiterkeit erregte!   Die Taschen voller Bonbons zogen wir dann vergnügt in die Feriensiedlung zurück.

Nach einer kurzen, sehr eindeutigen Abstimmung stand fest: Wir würden noch heute, also am Freitag, abreisen. (Eine sicherlich weise Entscheidung, bedenkt man die Geschwindigkeit unseres Sonnentaxis!)
Als wir am Samstagmorgen traumtrunken aus den Fenstern blinzelten, hatte sich einiges geändert: Um uns herum schwere Wolken, dahin treibend wie schlafende Schiffe. Eng standen die immergrünen Berge, keine Weite mehr bis zum Horizont, die einlädt von immer noch weiteren Reisen zu träumen.
Die Temperaturen waren empfindlich gesunken. Die mürrischen Gesichter der Mädchen drückten Unmut aus, als sie dann doch eine nach der anderen aus dem etwas muffigen aber immerhin kuschlig - warmen Taxi stolperten. In kleinen Grüppchen eilten sie wortkarg zum Toilettenhäuschen, sich die viel zu sommerliche Kleidung fester um den Körper ziehend.
Keine Spur mehr von Ausgelassenheit oder Entdeckergeist!
Das befremdlichste in dieser nicht unbedingt einladenden Welt waren die Geräusche:
Langgezogene Töne, eindringliches Rufen drang durch den Wald zu uns herüber.
Schloß man die Augen, so glaubte man sich in einigen hundert Metern Meerestiefe, die große Stille plötzlich durchbrochen von melodischen Walgesängen.
Wir standen vor den Toren des Indri- Indri -Reiches, seine Bewohner gehören der größten Lemurenart Madagaskars an.
Und wie sich das für ein ordentliches Königreich gehört, wurde uns erst einmal der Einlass verwehrt, denn unser ehrfürchtig dargebotenes Restbudget wurde als unzureichend zurückgewiesen (Bestechung der Parkaufseher kam also auch nicht in Frage..). Glücklicherweise fanden wir einen bescheidenen Indri- T-Shirtverkäufer, der sich anbot die obligatorische Führung für 1/5 des offiziellen Preises zu übernehmen.
Im Gänsemarsch ging es durchs Gestrüpp, auf der Jagd - äh, ich mein auf der Suche nach den Indris. Die ganze Wanderung hatte tatsächlich mehr den Charakter einer Treibjagd, als den einer Naturbeobachtung, so sehr lärmten die Mädchen. Die Lemuren haben wir trotzdem gesehen. Sie schwangen sich hoch über unseren Köpfen von Wipfel zu Wipfel, hielten inne, um gemächlich auf einigen Blättern herumzukauen oder gelassen auf uns herunter zu schauen. Sie schienen relativ unbeeindruckt vom artfremden Gemurmel und Gepfeife.
Wirkliche Verluste waren in den Reihen der Heilpflanzen zu beklagen. Ständig zupften, zerrten, bogen und brachen die Mädchen an ihnen herum. Clement verzweifelte zusehends, doch um das Bewusstsein der Mädchen zu ändern, müsste er noch mindestens 4 Jahre Praktikum an die 6 Monate dranhängen....
Nach diesem Morgenspaziergang fuhren wir endgültig zurück nach Tana. Die Traurigkeit hielt sich in Grenzen, schließlich war das ganze Taxi von oben bis unten mit Kokosnüssen (mehr als einmal gab es während der Fahrt regelrechte Kokosnusskaskaden, wenn der Fahrer eine Kurve zu schnell (!) nahm. Ein Wunder, dass keine schweren Gehirnerschütterungen zu beklagen waren),   Basttaschen, Wasserflaschen mit Meerwasser (wahrscheinlich zerbrechen sich jetzt einige Geologen den Kopf darüber, warum der Wasserspiegel des indischen Ozeans so plötzlich um einige Zentimeter sank..) und anderen Souvenieren voll gestopft.
Beim Einlaufen in den heimatlichen Hafen entbrannte dann auch einiger Streit, weil keine mehr so richtig unterscheiden konnte, zwischen Dingen die sie gekauft hatte und jenen die sie gern gekauft hätte...
Das "Abräumen" des Taxi-Brousse war schnell vollbracht, ohne große Verabschiedungsszenen verschwanden die Mädchen, bepackt mit ihren Heiligtümern in den engen Gassen Tsiadanas.
Ein kleiner Wind kam auf. Einsam und verlassen standen der schwere Kohlensack, die vorher so begehrten Spielsachen und die Küchenutensilien.
Mittendrin lächelnd, Mme Simonne. Einfach nur müde, Clement und ich...
Natürlich war damit nicht einfach Alles vorbei. In den folgenden Tagen wurden die Photos ausgewertet (beeindruckend, wie es einige der Mädchen geschafft hatten, auf fast jedem Bild zu sein!), es gab eine Nachbesprechung und vor allem: die Reiselust der Mädchen war geweckt!

Grüße und tausendfaches Dankeschön an alle Spender und Zaza Faly.
Von den Mädchen des Projektes Vony. (Sie hätten nichts dagegen öfter mal so schöne Ferien zu machen...)
Dank auch von den Begleiterinnen und uns Praktikanten!

i.A.: Wiebke (Praktikantin)



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