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Erlebnisbericht von Pamela Klöpf

(Praktikantin bei "Manda" von 09.03-02.04)

vom April 2004

Ein paar Eindrücke und Erinnerungen an meine Zeit bei Manda.

Nun bin ich seit 7 Wochen wieder in Deutschland und fast täglich erinnert mich irgendeine Situation in meinem Alltag, der leider schon wieder zurückgekehrt ist, an meine 7 Monate auf Madagaskar und das Projekt.

Gerade jetzt, nach dieser Zeit, die für mich als praktisches Studiensemester angerechnet wurde, ist das theorielastige Studium sehr zäh. Alle Stundenten um mich herum machen sich Stress wegen Hausarbeiten und Referaten, alles um mich herum ist hektisch. Gott sei Dank spüre ich noch immer die madagassische Mentalität in mir - "moramora", wie es so schön heißt. Es wird schon werden, auch wenn man sich selber nicht so unter Druck setzt.

Wieder zurück in Deutschland fühle ich mich außerdem manchmal etwas nutzlos   und ich sitze in meinen  Vorlesungen und überlege mir, wieviel ich nun in dieser Zeit schon hätte tun können und dass mir in dieser Zeit mindestens ein Kind ein wunderschönes von Herzen kommendes Lächeln geschenkt hätte.
Allerdings wird mir im Studium auch immer mehr klar, was die Mitarbeit bei der Manda alles für die Kinder tun und dass dies gerade auf Madagaskar keine Normalität ist. Integration und Unterstützung von Randgruppen, wen   interessiert das in einem Land, in dem die Leute jeden Tag ihr Reisfeld von Hand bearbeiten und in dem es Familien gibt, die mit ihren fünf Kindern in einen kleinem Zimmer zusammen leben.

Doch bei der Manda, da geht es um Außenseiter nämlich  um die Straßenkinder. Aber dort werden sie nicht als Außenseiter betrachtet dort sind sie einfach nur Kinder. Sie bekommen einen Raum, indem sie Essen bekommen , indem sie lernen dürfen und indem sich jemand um sie kümmert. Und sie haben dort einen Raum, indem sie Kind sein dürfen, unabhängig von ihrer schwierigen Lebens-situation draußen auf der Straße, wo sich alles ums Geldverdienen dreht oder um einen Ort zum Schlafen, wo sie vor dem Regen geschützt sind und nicht verjagt werden.
Aber nun zu meiner Zeit bei Manda. Ich kam am 22. August 2003 in Antananarivo an. Es dauerte nicht lange bis ich die ersten Kinder im Projekt am Montagmorgen hörte. Alle Kinder wussten sofort - das ist die Neue, "Manahoana Pamela".

Natürlich habe ich mir am Anfang etwas schwer getan mit den vielen fremden Worten, die wie die Regetropfen in der Regenzeit auf mich einprasselten. Aber alle waren sehr nett und interessiert- " Mavo volo"- gelbe Haare und "Manga maso" - blaue Augen erregten die Gemüter. Dazu kam die lange Nase und die feinen Härchen auf den Armen. ( Die Kinder können manchmal schon sehr direkt sein).
Und so begann meine Zeit unter den Straßenkindern von Tana. Am Anfang arbeitete und lebte ich im Projekt und merkte schnell, dass ich trotz Feierabend noch immer was vorbereiten konnte, mir Gedanken machte und dass ich all das, was mir im Laufe des Tages so widerfuhr erst am Abend
verarbeiten konnte. Dann wenn die Kinder das Haus wieder verlassen hatten und die Ruhe zurückkehrte.
Manda, dass zuvor nur aus Erzählungen und Vorstellungen in meinem Kopf Platz fand wurde endlich Realität. Zuerst war ich hauptsächlich in der Vorschule. Jeden Morgen singen, spielen,
buchstabieren und zählen. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie schön es doch bei uns in der Schule ist, wo jeder seinen eigenen Tisch hat, alles ruhig ist und alle ganz gespannt in ihre Lesebücher schauen. Hier herrschte in meiner naiven Sicht von einer Schule für Straßenkinder das reinste Chaos.
Wenn sich vier Kinder einen kleinen Tisch teilten und im Ganzen gesehen sich manchmal bis zu 45 Kinder in der Garage drängten. Um so mehr ich auch außerhalb der Manda das Leben der Mada-gassen kennen lernte, sah ich dass die Menschen sich in meinen Augen  immer drängten. Im "taxi-be", dem Stadtbus, wenn man es so nennen will, auf dem Analakely, wenn es zum Einkaufen geht, oder aber auch einfach, wenn Leute beisammensitzen .Deshalb  wunderte es mich nach einiger Zeit auch nicht mehr, wenn die Kinder trotz Enge und Lärm in ihre Hefte schrieben und arbeiten konnten.
In der Vorschule konnte ich auch schnell die Kinder kennen lernen und versuchen mir die doch recht fremdklingenden Namen zu merken. Mamponina, Hasina, oder Nambinina, Tojotiana oder Tolotra bereiteten mir doch so einige Schwierigkeiten.

Morgens half ich im Unterricht der Vorschule mit und nachmittags wurden Freizeitaktivitäten angeboten- Schnitzeljagd, Olympiade oder Basteln, Singen oder Tanzen. Hier wurde dann oftmals deutlich, dass die Kinder, gerade wenn es um Basteleien ging nur ganz wenig Fähigkeiten besassen und auch nicht mit gleichaltrigen Kindern in unserem Land verglichen werden konnten - teilweise
konnten sie nicht einmal eine Schere richtig halten. Kinder bei uns werden von früh auf  kreativ und feinmotorisch gefördert, aber wer macht so etwas mit den Kindern auf der Straße?
Auf der anderen Seite schienen mir die Kinder so erwachsen. Sechsjährige Mädchen und Jungen passten  auf ihre kleinen Geschwister auf und sahen zu, dass diese auch beim Mittagessen nicht zu kurz kamen.  Zwölfjährige Jungen erzählten mir bei Interviews, dass sie jede Nacht um ein Uhr am Lac Anosy auf dem  Blumenmarkt arbeiten und die neu ankommende Ware abladen.

Jede Nacht!- und trotzdem kamen sie regelmäßig morgens um acht Uhr in die Manda.
Erst durch solche Geschichten und Einblicke in das Leben der Kinder, wurde deutlich, dass die Kinder, die in der Manda meist so fröhlich und ausgelassen spielten und lernten ein richtig hartes Leben führen und auf der Straße nichts mehr von ihrer Kindheit haben. Deshalb wollte ich auch in der Manda nicht einer von den Menschen sein, die den Kindern nur Regeln geben und die darauf achten, dass sie ihre Arbeit und Aufgaben machen. Es gehört natürlich auch dazu, für mich war es aber auch von großer Bedeutung den Kinder das Zwischenmenschliche zu geben. Sie als Kinder anzusehen, die auch mal Fehler machen und machen dürfen und ihnen, wenn sie es brauchten auch Geborgenheit zu geben und Vertrauen zu schenken. Woher sollten sie lernen zu teilen, ehrlich zu sein und zu vertrauen, wenn nicht auch ein bisschen durch uns bei der Manda? Neben der Vorschule versuchte   ch auch einige Angebote für die Ausbildungsprojekte zu machen. So führten wir das Tanzen fort, was auch schon die vorherigen Praktikanten mit Vony machten und ich bot an einem Nachmittag Basteileien und kreatives Arbeiten für die Mädchen an. Ja und die Jungen von Felana? Auch bei denen versuchte ich mein Glück mit einem regelmäßigen Treffen in der Woche. Und es gelang uns auch. Einmal in der Woche trafen wir uns um Basketball zu spielen und es wurde jede Woche wieder gern gemacht. Nur einmal traute ich mich einen Volleyball mitzubringen. Da musste ich mir aber was anhören. "Tsy tiako" - ich mag nicht und Ausreden wie  "marary be ny tongotrako" - ich habe eine kranken Fuß und viele andere Leiden wurden mir vorgetragen. Aber so wie ich verneinte mit ihnen Fußballspielen zu gehen, so akzeptierte ich auch ihre Abneigung gegen den Volleyball und damit war die Sportart festgelegt - Basketball. Ich denke durch diese Aktivität, die wir gemeinsam hatten wurden sie auch dazu aufgemuntert ein Weihnachtstheater mitzugestalten. Mir ca. sechs Jungen von Felana entstand ein recht außergewöhnliches Weihnachtstheater, mit
moderner Musik untermalt und einem recht flotten Tanz zur Feier der Geburt des Christkindes. Es war doch mal was anderes und alle waren begeistert die Statisten sowie die Zuschauer.

Ab einer nicht sehr langen Zeit bemerkte ich, dass die Kinder mich nicht mehr als die Neue, die Fremde ansahen und ich gehörte zum Team dazu.  Ich fühlte mich wirklich sehr wohl.
Manda bot auch mir jeden Tag eine Art "schützende Burg", denn sobald ich auf der Straße war, hörte ich wieder die ersten "Vazah"- Rufe. Dadurch, dass ich aus dem Projekthaus ausgezogen war, lebte ich in einem Viertel, indem die Manda Praktikanten nicht bekannt waren. Ich genoss es, wie alle anderen auch jeden Morgen zur Arbeit zu fahren in den voll gestopften Bus zu sitzen und beim Heimweg noch über den Markt zu laufen. Jedoch merkte ich auch, dass Immer wieder von Neuem, auch wenn man jeden Tag den gleichen Weg ging und mit dem gleichen Bus fuhr die ?Vazaha" - Rufe kamen. ( In Zeiten, in denen ich mal etwas Ruhe brauchte, wurde konnte dies auch nervig sein).

Schön war es allerdings schon, wenn die Kinder aus dem Projekt auf der Straße auf einen zu kamen und einem Hallo sagten und sich freuten einen zu sehen. Leider wurde mir auch sehr schnell klar, dass sechs Monate wirklich keine lange Zeit ist und ehe  ich mich versah ging es dem Ende meines
Madagaskaraufenthaltes und meiner Arbeit im Projekt zu. Schon nach den Weihnachtsferien begann ich die Zeit im Projekt und mit den Kindern mehr zu nutzen. Damit meine ich, dass ich versuchte jegliche Augenblicke intensiver zu leben. Ich genoss es auch sehr, dass wir noch Projekte mit den Kinder außerhalb des Mandageländes unternahmen. So z.B. die Baumkletteraktion mit de Gerome   im Ambotjiatovo.   

Ich merke, dass ich unendlich viel zu meiner Arbeit und meinen Eindrücken von Madagaskar schreiben könnte, sehe aber auch, dass dies den Rahmen sprengen würde.   Aber zu zwei Dingen aus meiner letzten Woche im Projekt, die mich noch immer sehr beschäftigen, möchte ich etwas schreiben. Zum einen der sehr gelungene Urlaub mit Felana, an dem ich noch teilhaben durfte. Es war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Wir fuhren an die Ostküste - Tamatave- Foulpoint- Soanara Ivongo. In dieser Zeit merkte ich, wie groß die Bedeutung der Gruppe für sie ist. Auch wenn es manchmal doch recht schwierig ist, leben und arbeiten sie miteinander und können aus diesem Zusammenhalt viel für ihre Persönlichkeit ziehen .

Nicht zu vergessen sind Theophile mit seiner Frau. Sie geben den Jungen Halt und bieten ihnen einen familiären Anschluss, den sie zum Teil zuvor noch nicht erleben durften. Ich durfte an diesem Urlaub, der sehr harmonisch war teilhaben und eine Gruppengefühl erfahren, dass mir zuvor unter den Straßenkindern, wenn es nicht gerade Geschwister waren nur selten bemerkte.   Nach dieser schönen Urlaubszeit kam ich am Montagmorgen wieder in die Manda. Voller Zufriedenheit und gut erholt. Ich denke nicht nur ich konnte in dieser Zeit das Großstadtleben etwas hinter mir lassen sondern auch die Jungen konnten für eine kurze Zeit ihre Arbeit und den Alltag vergessen. Doch dann holte mich eine Nachricht schnell wieder in die Realität der Kinder zurück. Cynthia und ihre große Schwester kamen auf mich zu, ich merkte schnell, dass sie etwas Schlimmes zu erzählen hatten, denn die Begrüßung die ansonsten immer mit großer Freude und festen Umarmungen stattfand blieb aus. Wie ein Wasserfall plapperten alle Kinder auf einmal: " Lapoussy, Lapoussy" "maty isy"- was so viel heißt wie "Lapoussy, Lapoussy ist tot". Ich konnte es erst gar nicht glauben. Wieso denn Lapoussy?  

Sie war das Mädchen, dass mir an meinem ersten Arbeitstag gleich aufgefallen war, denn sie hatte alle Haare abrasiert, wegen den Läusen, wie es mir sofort erklärt wurde. Sie war sehr traurig, da sie meinte sie sei nun kein Mädchen mehr, mit kurzen Haaren. Aber diese Traurigkeit legte sich sehr schnell und Lapoussys eigentliche Mentaltität kehrte schnell zurück. Sie lachte und hatte mit ihrer "schlingelhaften" Art immer einen Unfug oder Scherz auf Lager. Auf der anderen Seite war sie eines der Mädchen, die sich rührend um ihre kleine Schwester Cynthia kümmerte und eine Art des Erwachsenseins in sich hatte, die man bei Straßenkindern oft bemerken konnte. Sie war eines der Mädchen, die mir zeigte, dass Straßenkinder gefangen in einer Erwachsenenrolle trotzdem die Fröhlichkeit und Unbeschwertheit der
Kinder in sich tragen.   Aber warum starb sie? Als ich Fidy einmal fragte, warum der kleine Junge der auf den bekannten Manda - Plakaten und Mappen denn gestorben sei, antwortete er:" Es war eben ein Straßenkind." Lapoussy war eben auch eines. Aber muss man sich damit einfach so abfinden?

Sie hatte eine kleine Verletzung am Bein und konnte einige Zeit nicht mehr zur Manda kommen.
Wahrscheinlich konnte sie den recht langen Weg vom Stadtzentrum nach Tsiadana nicht mehr laufen und deshalb auch zur ärztlichen Behandlung nicht kommen. Sie blieb auf dem Markt und musste an ihrer Verletzung sterben. Ich konnte diese Geschichte nicht fassen, wegen einer Beinverletzung, einer
kleinen Wunde. Leider müssen immer erst schlimme Dinge passieren, damit man aufmerksam wird.
Selbst mir wurde durch dieses Geschehen und ich habe sechs Monate tagtäglich mich mit den Kindern und deren Leben auseinander gesetzt, wieder einmal deutlich, dass das Straßenkinderleben ein grausames ist.   So wurden meine letzten Tage in der Manda doch etwas getrübt, getrübt durch
die Realität, die man doch so leicht verdrängen kann.

Pamela Klöpf (April 2004)



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