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Erlebnisbericht von Jenny Martens

(Sozialpädagogin & von 10.02-03.03 ehrenamtlich bei "Manda" tätig)

Drei Monate befinde ich mich nun schon wieder in Deutschland, doch ich brauche nur kurz die Augen zu schließen, um mich zurückzuversetzen in die kleine Garage, wo ich mich einige Monate lang Vormittag für Vormittag bemühte, den kleinsten Manda-Schützlingen lesen, schreiben und rechnen beizubringen.

Ich sehe sie wieder vor mir, wie sie Buchstaben in ihre Hefte malen, mal mit vor Eifer raus gestreckter Zunge und Konzentrationsfalten auf der Stirn, dann wieder hält sie ihre kindliche Energie kaum auf den kleinen Stühlen, sie necken sich, glucksen und kichern, schreien nach dem Radiergummi, ein Buntstift fliegt dem Vordermann in den Nacken, sie ringen um Aufmerksamkeit, schauen mich mit ihren wunderschönen Augen neugierig und offen an und klammern sich in jeder Pause an mich, glücklich, einfach nur gehalten zu werden.
Es ist gewöhnungsbedürftig, sich wieder in diese kleinen Köpfe und ungeübten Finger hineinzuversetzen, um sich den Lernprozessen anzupassen, die überhaupt möglich sind. Langsam merke ich, wie wichtig all die Wiederholungen sind und das die erste Devise "mora mora" heißt, um ihr Selbstvertrauen zu stärken, wenn sie diesen oder jenen Buchstaben dann endlich beherrschen, mich immer wieder an ihre Seite ziehen, um mit mir zusammen einfache Worte zu entziffern und selber ganz verblüfft über das Ergebnis sind.
Mit ihrer fehlenden Fingerfertigkeit, ihrer kindlichen Ungeduld und mangelndem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten lassen sich mit einem Großteil von ihnen nur allereinfachste Sachen `erwerkeln`. Umso größer ihre Freude und ihr Stolz, wenn sie letztendlich doch z.B. eine kleine Maske gebastelt oder ihren Fußabdruck auf Papier festgehalten und ausgemalt haben.
Die Mädchen malen oder kneten bevorzugt ihre Träume von einem "trauten Heim" mit Fernseher, Couchgarnitur und Blumen auf der Fensterbank. Es ist zugleich rührend und schmerzlich ihre Bilder zu betrachten.
Einmal fragten wir die Jungs, eingeflochten in eine Geschichte, was ein Jeder von ihnen besonders gut könne. Nach einigem Herumdrucksen á la "was kann ich denn schon?" sagten die meisten Dinge wie: "Wasser holen/ tragen" und "Abwaschen/ im Haushalt helfen" oder auch "mit Münzen spielen" und "Saltos schießen". Einer brillierte sogar mit "Fahrrad fahren", bis ganz zum Schluss der Kleinste von allen – erst um eine Antwort verlegen und nachdenklich und dann doch ganz zufrieden mit sich – erklärte "ich kann besonders gut Fußtritte verteilen!", so dass wir alle schmunzeln und anerkennen mussten, wie wertvoll diese Fähigkeit auf der Straße notgedrungen ist.
Ach, und wie gerne erinnere ich mich an Weihnachten, das Heißeste je Erlebte. Ab frühestem Morgen war der Hof kindervoll. Vormittags veranstalteten wir mehr oder weniger in Gruppen eingeteilt Spiele – 140 Kinder, Himmel! Ohne Spaß am Chaos hätte man sekündlich verzweifeln können, mit Spaß am Chaos war es ein quirliger, toller Tag.

Verschiedene Gruppen trugen vor versammelter Mannschaft Lieder vor und tanzten und bei der anschließenden Essensverteilung konnte ich mich nur wundern, wie gut und reibungslos alles von statten ging. Ich schaue den Kleinsten immer wieder soo gerne beim unbeholfenen Reisschaufeln zu; das kleine Würstchen heben sie sich oft bis ganz zum Schluss – fest in der Hand – auf.Dann war`s auch schon Zeit für die Bescherung in unserem mit Plastiktannenbaum und Weihnachtssternen und -girlanden dekorierten Raum und Fidy als wattebauschbeklebtem Weihnachtsmann. Eine lange Prozedur war das, die Aufgerufenen wurschtelten sich durch die Menge, nahmen ihre Bonbons, Kekse, Kleidungsstück und Spielzeug enthaltende Tüte entgegen und rannten strahlend nach Hause, während die Gesichter der Noch-Nicht-Aufgerufenen zusehends besorgter wurden und sie dem Weihnachtsmann immer mehr auf die Pelle rutschten. Von Beschaulichkeit keine Spur bei dieserart Feier, dafür aber unvergesslich.
Beim Streetwork wiederum treffe ich die Kinder in ihrem Milieu an. Eliane und Claudia z.B., die sich unheimlich verschämt, aber zuckersüß herumaalen...mitten im Dreck des Analakelyplatzes. Ich muss es erst mal schaffen diese Kinder, die ich sonst nur aus der geschützten Manda-atmosphäre kenne mit ihren wirklichen Lebensumständen in Verbindung zu bringen. Nicht das Wissen darum, sondern erst das Sehen/ Erleben schlägt eine reale Brücke zum Verständnis ihrer Welt und ihres Seins. Wir gehen auch ins "Jamaika", eine der großen Garküchen, wo viele Straßenkinder als Küchenhelfer arbeiten mit all dem schmutzstarrenden, geschäftigen Treiben, Küchendunst und schwarzgerußten Wänden bietet dieser Ort eine gespenstische Ästhetik, an dem meine Weißheit noch mehr als sonst hervorsticht. Hier treffen wir auch einige interessierte Mütter, die ihre Kinder gerne an einem Platz, wo es Essen und Schule gibt, unterbringen wollen.

Doch schon kurz darauf stellten wir den Streetwork vorerst ein, denn es kamen ohnehin täglich so viele Kinder zu Manda, dass unsere Kapazitäten völlig ausgeschöpft waren.

Gerade im Januar hüpften die Kinder so überzahlreich durch den Hof, dass wir nicht wussten, wo uns der Kopf stand und die Kinder nicht wussten, wohin sie sich setzen sollten in der engen Garage. Wahrscheinlich hing der enorme Andrang auch mit den großen Unwettern zusammen, die Tana heimgesucht und viele Familien obdachlos gemacht hatten – bei uns tauchten jedenfalls auch neue Kinder auf, die in der Kirche gegenüber notcampierten.

Im Dezember waren die Kinder, wenn ich mich zurückerinnere, nachmittags oft kaum mehr zu halten gewesen, weil sie noch vor den großen Wolkenbrüchen den Weg zurück in ihre Reviere und Unterschlüpfe schaffen wollten. Und wenn der sintflutartige Regen dann doch schon während wir noch zusammen bastelten aufs Garagendach trommelte (und teilweise durchtropfte) konnte man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen.

Auch wenn ich ab und zu im Büro beschäftigt war, an Treffen mit anderen ONG`s teilnahm, bei den Vony-Mädchen war oder ähnliches, fiel es mir immer schwer, mich aus der Arbeit mit den Kleinsten auszuklinken. Dazu erschien mir der Bedarf zu groß, die Aufgabe zu befriedigend (solange man seine Maßstäbe relativiert und seine Ansprüche herunterschraubt jedenfalls) und ich hing doch ohnehin schon zu sehr an den Kindern...was mir bleibt ist der Wunschtraum das eine oder andere Gesicht vielleicht in ein paar Jahren auf einer weiteren Reise nach Madagaskar wieder zu finden...



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