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Iris Lemanczyk - Kinderbuchautorin;

verbrachte drei Wochen bei "Tsiry" "Manda" "Zaza Faly"

"Ja, davon hab ich schon gehört. Sind die nicht umgezogen" Nicht besonders hilfreich, was der Hotel-Portier weiß. Doch der kleine Küchenjunge, der unser Gespräch verfolgt hat, kennt sich aus. Er verhandelt kurz mit seinem Chef und schon winkt er stolz ein Taxi her, um mich zu den Straßenkindern zu bringen. Zielsicher findet mein Guide dann den Weg durch die schmale Gassen. Immer den Berg hoch. Energisch klopft er an das hohe Tor und verabschiedet sich dann. Fidi begrüßt mich, der Lehrer. Eigentlich heißt er Jean-Fitison Rasolondraizafy. Ich stehe im Hof von Manda, werde aus vielen Augen neugierig gemustert, und schaue mich genauso neugierig um: die bemalte Mauer, Manda, der Schutzwall. Das gelb gestrichene Haus, der gepflasterte Hof, das Waschhaus, die Freiluft Wasserhähne. Und dazwischen über 20 Jungs, die Kapsaling spielen. Sie schnipsen Kronkorken über Hindernisse, oder versuchen wie beim Boccia einem Ziel so nahe wie möglich zu kommen. Andere sind damit beschäftigt, sich und ihre Wäsche zu waschen. Fidi teilt die Seife aus. Für jeden ein kleines Stück. Bei ein paar Jungs gleitet die Seife sofort in die Tasche. Sie wird später auf dem Markt verkauft. Für ein paar Franc Malagache (3000 Franc = eine Mark). Die zerschlissene, tropfnasse Jeans kommt auf die Leine. Doch wie die Blöße bedecken? Es gibt ja noch den Pulli, geschickt schlingt ihn Badoda um seine Hüften. So langsam sind alle eingetrudelt. Der Unterricht kann beginnen. Erst mal Schiefertafeln, Kreide und für die Größeren Hefte und Stifte austeilen. Die Rasselbande zu beruhigen ist Schwerstarbeit für Fidi und seine Kollegin Angeline. Endlich hat jeder seine Aufgabe. Die Kleinen üben gerade die "2". Unermüdlich malen sie die Zahl auf die kleine Schiefertafel. Spiegelverkehrt, krakelig und aller Anfang ist schwer. Und wenn es so gar nicht klappt, dann fährt auch mal voller Eifer die Zunge über die Tafel, um das Gekritzel auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Stolz werden die gelungenen Versuche präsentiert. Immer wieder wischt Angeline die Fehlversuche mit einem geduldigen Lächeln weg. Noch einmal, bitte. Den Größeren lehrt Fidi dividieren und multiplizieren. Danach gibt´s etwas Geographie und dann Französisch. Alle sitzen dicht gedrängt in dem kleinen Klassenzimmer. Die Lehrer gehen von einer Gruppe zur anderen, verteilen Aufgaben, korrigieren, ermahnen, loben. Bei den Größeren ist es erstaunlich still. Sie sind konzentriert bei der Sache. Eric erzählt, dass er hauptsächlich zu Manda kommt, um Lesen und Schreiben zu lernen. Die öffentliche Schule, die im Jahr fünf Mark kostet, kann er sich nie und nimmer leisten. Für ihn, wie für alle anderen hier, ist Manda die einzige Chance an etwas Bildung zu kommen. Eltern? Ja, die hat Eric, aber die sieht er selten. Immer gibt´s Probleme. Seit einem Jahr schläft er mit Freunden auf dem Markt. Manchmal sammle er dort ein bisschen Gemüse auf. Er verscherbelt irgendwelchen Krimskrams, und er bettelt. "An guten Tagen bringe ich es auf 3000 Franc", sagt er mit unwiderstehlichem Lächeln. Das Arbeitslächeln, das automatisch angeknipst wird, wenn ein vermeintlich zahlungskräftiger Passant vorbei kommt. Nach Unterricht und Mittagessen ist der Bann endgültig gebrochen. Unentwegt kommen Jungs und setzen sich zu mir auf die Treppe. Sie suchen Körperkontakt, jeder auf seine Art. Der 14-jährige Donah will mir unbedingt seinen kraftvollen Händedruck zeigen. Er freut sich königlich, wenn ich nicht dagegen halten kann. Der vierjährige Sitraka und sein Bruder Rija, streichen unentwegt über meine glatten, blonden Haare. Mit großen Augen fahren sie immer wieder über meine Arme. Die hellen Härchen faszinieren sie. Romain hat etwas anderes entdeckt, was bei ihrer Haut nicht so gut funktioniert wie bei mir. Und ausgerechnet das entpuppt sich zum absoluten Renner und sehr zu meinem Leidwesen: Wenn man mich zwickt, dann wird die Haut erst ganz hell, dann rot. Und wenn sie so weitermachen, dann ist sie in Kürze auch noch blau... Während wir uns kennen lernen, uns auf irgend eine Art verständlich machen, baut Fidi den Videorekorder auf. Pipi Langstrumpf steht auf dem Programm. Fast alle, egal ob groß oder klein versammeln sich um den Fernseher und schauen sich den schwedischen Kinderklassiker an. Sie verstehen kein Wort, von dem was Pipi, Kleiner Onkel und Tommy erzählen. Aber sie genießen die Streiche, sie lachen, sie klatschen und wiegen sich im Takt zu "Ich hab ein Haus, ein kunterbuntes Haus...". Alle Augen strahlen, spätestens jetzt ist die Verwandlung perfekt. Aus den abgerissenen Straßenjungs, die ihren Lebensunterhalt hart erkämpfen müssen, sind für ein paar Stunden das geworden, was sie eigentlich immer sein sollten: Kinder, fröhliche, ausgelassene, neugierige Kinder. Dies sind ein paar Impressionen meines ersten Tages in Manda, dem noch weitere, unvergessliche gefolgt sind. Iris Lemanczyk

www.IrisLemanczyk.de



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