Erlebnisbericht von Nicole Haas und Ruth Terren
Juni 2002
Nach 18 Stunden Reisezeit haben wir unser Ziel endlich erreicht und
befinden uns auf der Gewürzinsel Madagaskar, auf der wir in Träumen
und Gedanken bereits seit mehreren Wochen verweilen. Aber sind wir denn
nun wirklich angekommen?
Nachdem wir uns erfolgreich gegen das Getümmel von Gepäckträgern
zur Wehr gesetzt haben, geht es mit einem klapprigen, alten R4 (dessen Tür
nicht wirklich ihren Zweck erfüllt) zum Projekt. Vorbei an unzählig
barfußlaufenden buntgekleideten Menschen (darunter viele Kinder, die noch
Kleinere auf dem Rücken tragen), tausenden von Obst- und Gemüseständen,
deren Ware aus nur 2 kg Bananen, 10 Tomaten und 3 Zwiebeln bestehen kann, hunderten
von räudigen Hunden sowie Massen von qualmenden, luftverpestenden Autos
wird uns bewußt, dass unsere Ankunft in dem Dritte Weltland Madagaskar
Realität ist.
Die Tür zum Projekt springt auf und sogleich werden wir von einer Horde
quirliger, wilder, unverständlich sprechender Kinder in Beschlag genommen.
Innerhalb weniger Sekunden sind wir Mittelpunkt des Geschehens und werden von
allen Seiten (Haare, Hände, Sommersprossen und was sonst noch so anfällt)
begutachtet.
DIE ARBEIT KANN BEGINNEN !!!
Als Erstes wird uns die Aufgabe des Vorschulunterrichts zugeteilt, das heißt,
wir versuchen die Jüngsten (3-10 Jährigen) während des Vormittags
mit einfachen Schreib-, Rechen- und Malübungen zu beschäftigen. Des
weiteren versuchen wir drei besonders schwachen Mädchen aus dem Projekt
Vony das Schreiben und Rechnen näherzubringen. Nachmittags führen wir
den Geografie- und Französischunterricht unserer Vorgängerinnen fort
und gestalten die restliche Zeit mit Fidy und Angeline (unsere/m LehrerIn) das
Nachmittagsprogramm. Dort Spielen und Basteln wir mit den Kindern, so dass wir
hier nicht ständig auf Ruhe und Konzentration beharren müssen, sondern
die Möglichkeit haben, die Kinder anders und besser kennenzulernen. Ganz
schnell müssen wir feststellen, dass europäische Erwartungen und Ansprüche
hier Fehl am Platze sind. Selbstverständlichkeiten wie z.B. den Stift richtig
halten, still sitzen und zuhören können sind für die Kinder schon
eine Herausforderungen. Nur mit kleinen Schritten kommt man vorwärts und
vor allem sind Kreativität, Flexibilität und Spontanität angesagt!!!
Ein wirklich großes Problem stellt die Sprachbarriere dar, an deren Überwindung
wir täglich arbeiten. Der Zugang zu den meisten Kindern ist relativ einfach,
da sie sehr offen und interessiert sind, wir uns mit Händen und Füßen
unterhalten und sie sich immer köstlich darüber amüsieren, wenn
ein Vazaha mal wieder versucht Madagassisch zu sprechen.
Auch der Gang auf den Markt ist ein Erlebnis! Als Vazaha (meist wahrgenommen
als wandelnder 500 Euroschein) wird das Einkaufen gelegentlich zum Kampf, so
dass wir unsere spärlich ausgeprägten Verhandlungsfähigkeiten
täglich erweitern und dadurch öfters zur Belustigung aller Beteiligten
beitragen.
Nicht nur das Handeln müssen wir erlernen - auch die tief verwurzelte,
sich durch alle Lebensbereiche ziehende mora-mora (mad. für: immer mit der
Ruhe) Mentalität ist für uns hektischen Europäer recht gewöhnungsbedürftig.
Davon vorher nur aus Büchern und Erzählungen gehört dürfen
wir sie nun hautnah erleben. So auch bei unserem ersten Ausflug aufs Land.
Im Vergleich zu Tana konnten wir dort wirklich mal Ruhe und Entspannung finden.
Wobei wir selbst mitten in der Natur nicht unbedingt alleine waren. Für
die Kinder des Dorfes stellten wir nämlich eine Attraktion dar und auch
die Erwachsenen zeigten reges Interesse. Durch das Erkunden der Umgebung konnten
wir die wunderschöne Landschaft genießen und Land und Leute nochmals
anders kennenlernen. Zweieinhalb vergebliche Stunden warteten wir am Abfahrtstag
auf das verabredete Taxi-be. Mora-mora lautete die Devise, bloß nicht in
Hektik und Ungeduld verfallen und das älteste Fortbewegungsmittel der Menschheit
- die Füße - in Bewegung setzen und mit Sack und Pack ins 15
km entfernte Dorf marschieren, um von dort aus evtl. weiterzukommen.
Es bleibt einem also gar nichts anderes übrig als sich auf das gemütliche
Tempo der Madagassen einzustellen. Streß ist hier ein Fremdwort und Gelassenheit
wird groß geschrieben und davon können wir Europäer uns nun wirklich
eine Scheibe abschneiden.
Etwas total Fremdes für uns demokratieverwöhnte junge Europäer,
ist die derzeitige politische Situation. Es ist unglaublich zu erleben, wie nur
wenige "Menschen" ein ganzes Land destabilisieren und dessen Bevölkerung
langsam aber sicher zugrunde richten können. Noch unglaublicher ist es mit
anzusehen, wie sehr irgendwelche neokolonialistischen Hintergründe dabei
eine Rolle spielen und wie wenig das die Außenwelt interessiert.
Das was wir tatsächlich davon mitbekommen sind ( für madagassische
Verhältnisse geradezu utopisch ) gestiegene Preise und Mangel an gewissen
Lebensmitteln (Mehl, Salz, Öl, Gas, Sprit, ...). Für uns als Vazaha
stellt das kein lebensbedrohliches Problem dar, aber für den Großteil
der Bevölkerung hat dies katastrophale Auswirkungen !!
Im Projekt macht sich die Krise in der deutlich gestiegenen Anzahl Kinder bemerkbar.
Die Produkte der Vonymädchen können aufgrund des Touristen- und allgemeinen
Geldmangels nicht verkauft werden, Arbeitsplätze für die Abgänger
des Felanaprojektes sind kaum auffindbar, andere Vorgänger verloren ihre
Stelle, etc., so dass die soziale Sicherheit abnimmt.
Abschließend möchten wir nochmals betonen, wieviel Freude und Spaß uns
das Praktikum mit den Kindern bereitet. Das Erlernen beruht auf Gegenseitigkeit,
auch wenn die Kinder sich dessen nicht bewußt sind. Obwohl wir uns vorher
Gedanken über die uns erwartende Arbeit gemacht haben, sieht die Wirklichkeit
natürlich ganz anderes aus.
Das Erleben schöner aber auch weniger schöner Dinge gehört zu
unserem Alltag, Akzeptanz und Toleranz gegenüber gewissen Verhaltensweisen
(welche nicht unseren gewohnten Vorstellungen entsprechen) erweitern unsere Sichtweise,
die unser zukünftiges Leben sicherlich beeinflussen wird.
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